Philipp Wahl


* 15. Januar 1913 in Stuttgart
† 23. Juli 2009 in Worms


Um der Arbeitslosigkeit im Anschluss an seine Lehre in einem gewerkschaftseigenen Bauhüttenbetrieb zu entgehen, hatte der in Stuttgart geborene Wahl auf einem Rheinschiff als Schiffsjunge angeheuert. 1931 in Duisburg von der Jugendorganisation der SPD zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) übergewechselt, wurde bald die KPD auf ihn aufmerksam. Sie verpflichtete ihn noch vor 1933 für Kurierdienste auf der Strecke zwischen Basel und Rotterdam.

Er wurde in eine konspirative Fünfergruppe eingeklinkt, der u. a. zwei Matrosen aus dem Elsass angehörten. Leiterin war Else Zbick aus Oberhausen-Sterkrade, ebenfalls KJVD-Mitglied. Gewerkschaftlich organisiert war Wahl im Einheitsverband der Seeleute, Hafenarbeiter und Binnenschiffer, der deutschen Sektion der kommunistischen „International of Seamen and Harbourworkers“, der bis 1933 allein auf dem Rhein an die 1.500 Mitglieder angehörten. Über die mit ihm befreundete Hertha Niederhellmann aus Düsseldorf und seinen Vater, Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in Duisburg, unterhielt Wahl außerdem Beziehungen zu Anna Siemsen und zu Max Seydewitz von der Führungsebene jener linksradikalen Kleinpartei.

Dienstbuch des Schiffsjungen Philipp Wahl, 1931

Anfang März 1933 wurde Philipp Wahl in Worms auf der unter belgischer Flagge fahrenden „Express 14“ durch die Strompolizei verhaftet. Während des folgenden Verhörs wurde er von SS-Männern brutal zusammengeschlagen, bis er schließlich in Ohnmacht fiel. Bis zum Monatsende musste er im Wormser Krankenhaus behandelt werden. Sodann wurde er im KZ Osthofen inhaftiert. Dort erhielt er Besuch von Hanna Hammes, die sich als seine Braut ausgab, in Wahrheit aber von einem KPD-Verbindungsmann aus Raunheim damit beauftragt worden war, Wahl über den Stand des gegen ihn und andere in Bochum angestrengten Ermittlungsverfahrens in Kenntnis zu setzen.

Ende 1933 wurde er aus Osthofen entlassen, musste jedoch einen Revers unterschreiben, er sei nicht misshandelt worden. 1934 wurde Wahl vom Verdacht, sich im „hochverräterischen“ Sinne betätigt zu haben, freigesprochen. Trotz polizeilicher Meldepflicht nahm er seine Widerstandsarbeit umgehend wieder auf. So überbrachte er auch der nach Zürich geflüchteten Anna Siemsen im Auftrag seines Vaters Berichte über die Zustände im faschistischen Deutschland und erzählte ihr zudem von seiner eigenen KZ-Haft in Osthofen. Auch mit Hertha Niederhellmann vom SAP-Widerstand hatte er erneut konspirativen Kontakt.

Der Einheitsverband der Seeleute, Hafenarbeiter und Binnenschiffer war seit Herbst 1933 im Inland selbst vollständig zusammengebrochen und konnte nur noch vom Ausland aus antinazistische Aktivitäten entfalten. Für die Bearbeitung der Rheinschifffahrt war vor allem die Aktivgruppe in Rotterdam zuständig, die regelmäßig die „Rote Wacht“, das Verbandsorgan, aber auch andere kommunistische Zeitungen und Flugblätter abzusetzen versuchte. 1933 und 1934 wurden von dort aus monatlich noch bis zu 170 Rheinschiffe und dazu über 100 Seeschiffe betreut.

Zu Wahls Verbindungsleuten im Zuge seiner konspirativen Kuriertätigkeit entlang des Rheins gehörten beispielsweise in Mannheim ein bei der dortigen Hafeninspektion der „Rhenania“ beschäftigter Sozialdemokrat sowie ein evangelischer Pfarrer, in Nierstein der Besitzer eines Proviantbootes und auch ein Lotse in Kaub, der für die Weiterleitung des antinazistischen Materials bis in den Westerwald und in den Hunsrück sorgte. Die schweren Verhaftungsschläge der Gestapo wie auch anschließend das Gerücht, diese verfüge über eine komplette Mitgliederliste des Einheitsverbandes, lähmten dessen Arbeit aber immer mehr, bis diese schließlich gänzlich zum Erliegen kam.
1938 wurde Wahl zur Reichskanzlei nach Berlin dienstverpflichtet, wo er in seinem Beruf als Stuckateur arbeitete. Im Jahr darauf erhielt er seine Einberufung zur Wehrmacht. 1944 wurde er an der Ostfront schwer verwundet.

Philipp Wahl unterwegs mit dem Fahrrad, Aufnahme nach 1945

1972 gehörte er zu den Begründern der „Lagergemeinschaft ehemaliger Insassen des Konzentrationslagers Osthofen“, deren letzter Vorsitzender er bis zu seinem Tod am 23. Juli 2009 war. In dieser Zeit engagierte er sich in Gesprächen mit Jugendlichen und bei Führungen in der Gedenkstätte.

 

Quellen und Literatur:
Interview Arenz-Morch mit Philipp Wahl; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf RW 58 Nr. 494144, 41313 u. 31260; Willy Buschak: „Arbeit im kleinsten Zirkel“. Gewerkschaften im Widerstand gegen den Nationalsozialismus; Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

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