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Gemischte Gefühle vor Ort

Die Unterschutzstellung und ihre Auswirkungen beschäftigten auch den Osthofener Stadtrat. In seiner Sitzung am 8. Oktober 1984 wurden die verschiedenen Positionen, die in der Osthofener Bevölkerung bestanden, deutlich. Die SPD plädierte für eine Teilunterschutzstellung des Fabrikgeländes, und zwar der Westseite bis zum Ziegelhüttenweg. Außerdem befürworteten die Sozialdemokraten die Einrichtung einer Gedenkstätte, sowohl eines Mahnmals in der Nähe des Fabrikgeländes, als auch eines Dokumentationszentrums zur Sammlung von Dokumenten über das KZ Osthofen.
Die CDU-Fraktion hingegen erklärte, dass die ehemalige Papier- und Möbelfabrik kein Baudenkmal darstelle. Man wolle die Geschehnisse im Lager nicht beschönigen, es müsse aber immer wieder betont werden, dass im KZ Osthofen kein Insasse ums Leben gekommen sei. Daher lehnte die CDU eine Unterschutzstellung auch nur eines Teils des Gebäudes ab, um kein schlechtes Licht auf die Stadt fallen zu lassen. Man befürwortete aber, dass die westliche Mauer mit der Gedenktafel unter Schutz gestellt werde und regte an, vor deren Hintergrund eine würdige Gedenkstätte in Form eines schlichten Mahnmals zu schaffen.

Kaputtes Fenster
Foto: 1980er Jahre

Auch die Freie Wählergemeinschaft (FWG) stellte fest, dass das Fabrikgebäude keinen besonderen architektonischen Wert besitze und die Fraktion daher ein Mahnmal nur in Form der bereits vorhandenen Gedenktafel an der Außenmauer befürworte, vor allem auch mit Rücksicht auf den Eigentümer des Geländes, der durch die Unterschutzstellung stark beeinträchtigt und finanziell belastet würde. Nach einer ausgiebigen Diskussion setzte sich die regierende SPD-Fraktion mit 13 Ja- zu 5 Neinstimmen bei der abschließenden Ab¬stimmung durch: Der Stadtrat Osthofen vertrat die Auffassung, die Westseite des ehemaligen Fabrikgebäudes der Firma Hildebrand & Bühner unter Denkmalschutz zu stellen. 
Doch dies genügte weder dem BUND, der daraufhin das Land Rheinland-Pfalz aufforderte, das Gelände zu kaufen, noch dem damaligen Kultusminister. Im Oktober 1984 verfügte die Kreisverwaltung Alzey-Worms, auf Anweisung Dr. Georg Gölters, die Unterschutzstellung des gesamten Gebäudes. 
Damit war das Gerangel um die Unterschutzstellung noch nicht beendet. Der Grundstückseigentümer klagte vor dem Oberverwaltungsgericht in Koblenz gegen die Behördenentscheidung. Die Unterschutzstellung musste wegen eines Formfehlers im Dezember 1987 wieder aufgehoben werden. Weitere Entscheidungen wurden zunächst vertagt. 
Die Auseinandersetzung zeigt die Problematik vor Ort sehr deutlich. Nach Schließung des Lagers war mit der Einrichtung einer Möbelfabrik schnell wieder Normalität eingekehrt, die man in Osthofen ungern wieder aufgeben wollte. Die Osthofener fürchteten, die Bemühungen um die Aufrechterhaltung der Erinnerungen an das Lager und noch mehr die Errichtung eines Mahnmals bzw. einer Gedenkstätte würden in eine Anklage der Ortsansässigen einmünden und diese für das dort Geschehene verantwortlich machen. Dagegen richtete sich jeglicher Widerstand und es sollte die Aufgabe der nächsten Jahre werden, durch Aufklärung und sachliche Argumentation diese Widerstände und Ängste abzubauen. 

Kranzniederlegung an der Gedenktafel bei einer Friedensfahrt der DGB-Jugend Rheinland-Pfalz und Hessen
Foto: Thomas Grasmück, 1983

Mit einer zweiten Friedensfahrt am 26. November 1983 versuchte die Gewerkschaftsjugend in diesem Sinne Aufklärungsarbeit zu leisten. Als Abschluss der Fahrt veranstaltete sie eine Kundgebung am ehemaligen Konzentrationslager Osthofen und ein Diskussionsforum unter dem Titel „50 Jahre nach der Machtübertragung - Kampf der Gewerkschaften - Gegen Militarismus und Krieg! Für Frieden durch Abrüstung!“ Für den Veranstaltungsort Osthofen als „Symbol nationalsozialistischer Tyrannei und Massenvernichtung“ sprach sich der Bevollmächtigte der IG Metall Worms, Klaus Bischoff, ausdrücklich aus und zog viele Parallelen zu aktuellen neonazistischen Entwicklungen. Außerdem forderte er ganz konkret ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Osthofen und rief zu Spenden dafür auf. 
Um noch stärker auf das in Osthofen Geschehene aufmerksam zu machen, ergriff die Gewerkschaftsjugend im Sommer 1983 die Initiative, Geld für einen Gedenkstein in Osthofen zu sammeln. In Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden wurde mit der Handelskammer Rheinhessen vereinbart, dass dieser Gedenkstein von den Steinmetzlehrlingen der überbetrieblichen Ausbildungswerkstätte der Handwerkskammer in Mainz-Hechtsheim im Rahmen ihrer Ausbildung erstellt werden sollte. Nachdem Spender gefunden worden waren, wurden in der überbetrieblichen Ausbildungsstätte 17 Gipsmodelle als mögliche Motive für einen Gedenkstein gefertigt. Zur Vorbereitung der Entwürfe hatten sich die Jugendlichen mit der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers in Osthofen auseinandergesetzt und vertraut gemacht. Unter diesen 17 Entwürfen konnten die Spender ihren „Favoriten“ bestimmen. Zwei Modelle vereinigten die meisten Stimmen auf sich. Diese beiden, sowie drei weitere Modelle, wurden zusammen mit dem Abstimmungsergebnis dem Stadtrat in Osthofen zur Ansicht überreicht. Er sollte nun darüber entscheiden, welches Modell als Mahnmal aufgestellt werden sollte. Die SPD-Fraktion sprach sich für ein Modell aus, das eine sich „öffnende Blume“ symbolisierte, da hierbei auch das „Prinzip Hoffnung“ angedeutet sei. Die CDU-Fraktion entschied sich für keines der Modelle, da sie sich grundsätzlich gegen die Aufstellung eines Gedenksteines aussprach. Die FWG-Fraktion erklärte sich prinzipiell einverstanden mit der Aufstellung, wollte jedoch keines der vorliegenden Modelle befürworten, sondern schlug stattdessen einen neutralen Findling vor. Durch Mehrheitsbeschluss der SPD-Fraktion wurde der von ihr favorisierte Entwurf ausgewählt. 

Gipsmodelle Gedenkstein

Die Gewerkschaftsjugend wollte diese Wahl jedoch nicht akzeptieren, da keiner der beiden Favoriten der Spender berücksichtigt worden war. Bereits über die Festlegung eines Aufstellungsortes für den Gedenkstein hatte keine Einigkeit zwischen der Stadtverwaltung Osthofen und der Gewerkschaftsjugend erzielt werden können. Es wurde daher bis heute kein Gedenkstein errichtet. 
Noch während die Auseinandersetzungen um den Gedenkstein im vollen Gange waren, veranstaltete die DGB-Jugend am 21. November 1984 eine dritte Friedensfahrt nach Osthofen. Der Hauptredner der Kundgebung, der Bezirkssekretär der IG Metall Frankfurt, Volkmar Heusel, unterstützte ausdrücklich die Initiative der DGB-Jugend als einen sinnvollen Beitrag zur Auseinandersetzung von Jugendlichen mit der eigenen Geschichte. Philipp Wahl erinnerte als Vertreter der Lagergemeinschaft - er hatte diese Funktion nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Karl Schreiber am 11. Juli 1983 übernommen - an die Geschichte des Lagers und dessen Bedeutung. Neben der Veranstaltung der Friedensfahrten nach Osthofen unterstütze der DGB auch die Initiative des BUND zur Unterschutzstellung des Gebäudes des ehemaligen Konzentrationslagers in Osthofen.