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Legalisierter Raub 1933-1945

Aufruf zur Beteiligung an der Ausstellung

"Legalisierter Raub - Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen und Rheinhessen 1933 - 1945"

Vom 16. Januar bis 5. Juni 2014 zeigen die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und der Förderverein Projekt Osthofen e.V. in der Gedenkstätte KZ Osthofen die Ausstellung "Legalisierter Raub - Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen und Rheinhessen 1933-1945". Schirmherr der Ausstellung ist der Minister der Finanzen des Landes Rheinland-Pfalz Dr. Carsten Kühl.
Die Ausstellung wurde vom Fritz Bauer Institut Frankfurt am Main und dem Hessischen Rundfunk mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst erarbeitet. Sie wandert seit 2002 sehr erfolgreich durch Hessen und wird derzeit in Dreieich gezeigt.
Vom 16. Januar bis 5. Juni 2014 wird die für die Region Rheinhessen überarbeitete Ausstellung erstmals in Rheinland-Pfalz in der Gedenkstätte KZ Osthofen Station machen. Ein neuer regionaler Schwerpunkt ist dafür erarbeitet worden.

Auschnitt des Ausstellungsplakates
Quelle: hr

Der neue regionale Schwerpunkt Rheinhessen
Die skrupellose Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Rheinhessen wird an vielen Einzel- und Familienschicksalen verdeutlicht. An der Ausarbeitung dieses regionalen Teils und an der Zusammenstellung eines umfangreichen Begleitprogramms sind verschiedene Institutionen beteiligt, z.B. das Landesarchiv in Speyer, das Stadtarchiv in Worms, der Arbeitskreis Jüdisches Bingen und der Verein für Sozialgeschichte in Mainz e.V.

Aufrufe an die rheinhessische Bevölkerung
Auch die Bevölkerung vor Ort in Rheinhessen kann mithelfen: Die Veranstalter bitten, das Projekt mit Hinweisen und Exponaten zu unterstützen.
Hierzu wurden heute in Mainz und Osthofen drei Aufrufe vorgestellt, die jeweils an einem konkreten historischen Fall die Ausplünderung von Juden in Mainz, Osthofen und Eich zeigen. Willkommen sind auch Anfragen von Schulen, die sich bei der Vorbereitung der regionalen Inhalte der Ausstellung einbringen möchten.

Geschichten wie die im folgenden beschriebenen von Jak(c)ob Guthmann, Ludwig und Arthur Ebert sowie Max Tschornicki erzählt die Ausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen und Rheinhessen 1933 – 1945“,  zu sehen sein wird.
Der neue regionale Schwerpunkt wird sich mit der Ausplünderung jüdischer Familien in Osthofen, Alzey, Worms, Eich, Mainz und Bingen beschäftigen. Die Ausstellungsmacher rufen die Bevölkerung auf, sich an dessen Gestaltung zu beteiligen:

Sind in Ihrer Familie Erinnerungen an die genannten Familien überliefert?
Besitzen Sie Briefe, Fotografien oder andere Zeugnisse, die von ehemaligen jüdischen Nachbarn erzählen?
Besitzen Sie Gegenstände, die jüdische Familien vor der Auswanderung oder Deportation ihren Nachbarn zur Aufbewahrung übergeben haben?
Wurden in Ihrer Familie Gegenstände vererbt, die auf öffentlichen Versteigerungen so genannten „nicht arischen Besitzes“ erworben wurden?

Dann sprechen Sie uns bitte an:

Gedenkstätte KZ Osthofen
Tel.: 06242 - 910819
info@ns-dokuzentrum-rlp.de

Ramona Dehoff, Förderverein Projekt Osthofen e.V.,
Tel.: 06242 - 910825
Email: info@projektosthofen-gedenkstaette.de

Pfarrer Jürgen Udo Arndt, evangelische Kirchengemeinde Osthofen
Tel. 06242 - 7179
Email: pfarrer.arndt@ev-osthofen.de

Rolf Niemz, Dekan i. R., Worms
Tel.: 06241 - 954274
Email: rolf.niemz@web.de

Dieter Michaelis, Pfr. i. R., Guntersblum
Tel.: 06249 - 8703

Dr. Tillmann Krach, Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V.
Tel. 06131 232518
Email: mail@anwaltsgeschichte.de

Dr. Josef Götten, Ehrenvorsitzender des Arbeitskreises Jüdisches Bingen
Tel.: 06721 - 17430
Email: josef.goetten@freenet.de

Dr. Bettina Leder-Hindemith, Hessischer Rundfunk
Tel.: 069 - 1554038
Email: Bettina.Leder-Hindemith@hr.de

Auf Wunsch werden die Gespräche vertraulich behandelt.

 

Aufruf 1 : Jak(c)ob Guthmann aus Eich

Jak(c)ob Guthmann wurde am 3. April 1868 in Eich am Rhein, Kreis Worms, geboren. Gemeinsam mit seiner Frau Lina bekam er vier Kinder: Berthold (geb. am 13. April 1893), der in Wiesbaden ein bekannter Anwalt werden sollte; Sally (geb. am 20. August 1894), der am 1. Weltkrieg teilnahm und am 27.8.1917 bei Verdun gefallen ist; Anna (geb. am 29. August 1896), der gemeinsam mit ihrem Mann, Siegfried Hirsch, die Flucht in die USA gelang; auch der jüngste Sohn, Edward (geb. am 6. Februar 1898), schaffte den Weg in die Emigration: 1938 ging er mit seiner Familie von Köln nach Holland und von dort in die USA.
Es scheint, als sei es der Familie bis 1933 gut gegangen. Von Beruf war Jak(c)ob Guthmann Kaufmann, er handelte mit Getreide. Von 1924 bis 1932 war er vermutlich Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Eich, der zu dieser Zeit 38 Personen angehörten.
 Dass schon in den Jahren vor 1933 sich eine zunehmend antisemitische Stimmung ausbreitete, daran erinnert sich der Zeitzeuge Ernst Jakob Kahn, geb. 1919, in einem Brief an den ehemaligen Bürgermeister von Eich, Günter Reich: „Mehr und mehr hatten meine Eltern und die anderen jüdischen Leute in Eich und Umgebung einen besorgten Blick“. 1935 befasste sich der Gemeinderat von Eich mit dem Zuzug von Juden und beschloss „dass ab dem 12. August … jedem Juden der Zuzug verwehrt wird mit der Begründung, dass die Anzahl der Juden für die Eicher Gemeinde schon lange eine unzumutbare Last ist“. Kurz darauf wurden Juden die Allmendrechte entzogen, der Erwerb von Häusern und Grundstücken wurde ihnen untersagt. „Einwohner …, welche mit Juden direkte oder indirekte Geschäftsverbindungen unterhalten, können bei Gemeindearbeiten, Aufträgen und Lieferungen nicht mehr berücksichtigt werden.“
Ernst Jakob Kahn erinnert sich, wie Jak(c)ob Gutmann in dieser Zeit von SA-Leuten an sein Auto gebunden wurde, durch den Ort geschleift und anschließend an den Füßen zwischen zwei Bäumen aufgehängt wurde. Wann genau er Eich verließ, wissen wir noch nicht, aber spätestens ab 1937 lebte Jak(c)ob Gutmann bei seinem Sohn Berthold und dessen Familie in Wiesbaden. Seine Enkelin, Charlotte Opfermann, erinnert sich: „Wie bekannt, war der 10. November 1938 von den maßgebenden N.S. Dienststellen als ‚Reichsscherbentag’ und Auftakt der allgemeinen verschärften Judenverfolgung vorgesehen. Das sogenannte ‚Rollkommando’ kam an diesem Tag gegen 2 Uhr mittags, von der ehemaligen jüdischen Weinhandlung Simon in der Bahnhofstr. kommend, laut groehlend die Bahnhofstr. herauf. In der vorerwähnten Weinhandlung hatten sie bereits sämtliche Fässer und Flaschen zerschlagen und waren zumeist schwer betrunken. Vor dem Hause Bahnhofstr. 25, wo Herr Jacob Guthmann bis zu seiner Deportation am 1.9.1942 wohnte, befahlen die Anführer der Gruppe ‚Halt’ und zertrümmerten als Auftakt das Emaille-Büro-Schild meines Vaters, Rechtsanwalt Berthold Guthmann, welches sich am Gittertor und Eingang zum Haus befand. Daraufhin stürmten sie das Haus, jagten das Büropersonal aus der im Parterre gelegenen Anwaltspraxis auf die Straße und begannen die anbefohlene Zerstörungsarbeit. …“
Nachdem Jak(c)ob Guthmann bereits sein Haus in Eich hatte verkaufen müssen, begann mit der Pogromnacht, in der seine gesamte Wohnungseinrichtung zerschlagen wurde, seine systematische Ausplünderung: Die „Verordnung zum Einsatz des jüdischen Vermögens“ zwang ihn nun auch zum Verkauf des ihm gehörenden Hauses in der Mainzer Neckarstr. 10. Für die „vorsorglich“ zu entrichtende Reichsfluchtsteuer sowie die so genannte Judenvermögensabgabe bezahlte er rund 54000 RM. Über sein Restvermögen durfte er nicht mehr frei verfügen. Es verfiel mit seiner Deportation nach Theresienstadt dem „Reich“.
Am 7. September 1945 erschien in der von Emigranten aus Deutschland und Österreich gegründeten New Yorker Zeitung „Aufbau“ eine Anzeige: „Wir erhielten jetzt die traurige Nachricht, dass unser lieber Vater, Schwiegervater und Grossvater Jakob Guthmann … am 18. September 1942 in Theresienstadt gestorben ist.“
Unterschrieben war die Anzeige von seiner in die USA ausgewanderten Tochter Anna und ihrem Mann, von seiner Schwiegertochter Claire Guthmann, die gemeinsam mit ihrer Tochter Charlotte wenige Wochen zuvor aus Theresienstadt zurückgekehrt war und nun wieder in Wiesbaden lebte; und von seinem Sohn Berthold Guthmann, unter dessen Namen „Aufenthalt unbekannt“ steht. Die Familie wußte noch nicht, dass auch er und sein Sohn Paul ums Leben gekommen waren.

Aufruf 2: Ludwig und Arthur Ebert aus Osthofen

Ludwig Ebert wurde am 22. Juni 1867 in Fürth in Bayern geboren.
Ab 1886 war er Prokurist in der „Papier- und Pappdeckelfabrik“ im Ziegelhüttenweg 50 (heute 38) in Osthofen.
1891 heiratete er Philippine Hirsch, deren Eltern ein Schuhwarenhaus in Osthofen betrieben. Es ist wahrscheinlich, dass die beiden in den Anfangsjahren ihrer Ehe im dazugehörigen Wohnhaus in der Osthofener Hauptstraße 34 lebten, bevor sie später ihr stattliches Wohnhaus in der Schwerdstraße 13 bezogen. 1892 wurde die gemeinsame Tochter Flora Hilda geboren, 1895 Sohn Arthur.
Ludwig Ebert war ein engagierte Osthofener Bürger. So war er zeitweise 1. Vorsitzender der AOK, gehörte seit 1925 dem Vorstand der Osthofener Synagoge an und war als Mitglied der DVU politisch engagiert.
Den neuen nationalsozialistischen Machthabern war er ein Dorn im Auge. So hieß es in einem Bericht aus dem Jahr 1937: „Der Jude Ebert verstand es, als er noch in Osthofen wohnte, sich durch geldliche Unterstützung ärmerer Leute Sympathien zu verschaffen. Politisch Angehöriger der Deutschen Volkspartei hat er aber auch die Linksparteien unterstützt, 1933 war er vorübergehend im Konzentrationslager Osthofen inhaftiert.”
Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Osthofen und dem Tod seiner Ehefrau, verließ Ludwig Ebert Osthofen 1934 und zog nach Worms, wo sein Sohn Arthur mit seiner Frau Alice (geb. 4.7.1899 in Straßburg) sowie den beiden Kindern Paul (geb. 4.11.1925 in Worms) und Hans Heinz (geb. 12.7.1929 in Heidelberg) lebte.
Ab wann genau die Familie Ebert über ihre Auswanderung nachdachte, wissen wir noch nicht. Aber es scheint, als ob die Entscheidung für die Emigration spätestens 1938 gefallen wäre: Im Sommer dieses Jahres betrieben Vater und Sohn den Verkauf des von ihnen in der Osthofener Jahnstraße 32 gegründeten „Papierwerks Ludwig Ebert & Sohn“. Ein Interessent war bald gefunden, doch forderte dieser immer weitere Preisnachlässe, so dass sich der Verkauf verzögerte. Die Pogromnacht und ihre Folgen – insbesondere die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938 und die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 – dürften dazu beigetragen haben, dass der Verkauf erst im Februar 1939 zu einem Bruchteil des Wertes der Fabrik erfolgte. Zudem war die Familie nun gezwungen, Gold-, Silber- und Schmuckgegenstände abzuliefern.
Als Vater und Sohn nach dem Verkauf der Firma und dem vor dem Finanzamt erbrachten Nachweis, alle von Juden geforderten Sonderabgaben tatsächlich bezahlt zu haben, endlich emigrieren konnten, waren sie verarmt. Arthur, Alice, Paul und Hans Heinz Ebert gelang die Flucht in die USA.
Ludwig Ebert wollte der Familie seines Sohnes folgen: Er wanderte im Mai 1939 nach Holland aus, wurde dort aber im Frühjahr 1944 verhaftet. Von Westerbrok aus wurde er am 23. März 1944 nach Ausschwitz deportiert und dort drei Tage später, am 26. März 1944, ermordet.

Aufruf 3: Familie Tschornicki aus Mainz

1902 hatte der 1878 in Ostrina geborenen Jakob Tschornicki Karoline Casper, geboren 1876 in Obersitzkow geehelicht. Ihr ältester Sohn Max wurde 1903 in Rüsselsheim geboren. 1906, nach Umzug der Familie nach Mainz, kam Willi zur Welt, der bereits 1913 verstarb. Der jüngste Sohn Julian wurde 1914 geboren. Die orthodox-jüdische Familie lebte in Mainz, in der Großen Bleiche im 1. Stock. „Die Wohnung war großräumig und peinlich sauber. Ein Dienstmädchen wurde immer gehalten. Die Möbelausstattung war irgendwie gediegen – imponierend. (…) Die Küche war groß und mit Terrazzo–Fußboden ausgestattet. Eine oder zwei Wände waren mit blinkendem Kupfergeschirr bedeckt. Daneben hatte mich stets die Bibliothek beeindruckt. Meyers Konservationslexikon ist mir hier in Erinnerung und vor allem die wirklich große Anzahl dickleibiger Bücher in hebräischer Sprache“, soweit die Schilderung eines Freundes von Julian Tschornicki im Wiedergutmachungsverfahren beim Bezirksamt für Wiedergutmachung in Mainz.
Der älteste Sohn Max hatte sich bereits als Schüler in den Wirren der ersten Phase der Weimarer Republik politisch betätigt. Er gehörte zunächst der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an und trat auch öffentlich als Diskussionsredner auf. Nach Abschluss seines Jurastudiums trat er in Rheinhessen als engagierter Rechtsbeistand der wegen politischer Vergehen angeklagten Sozialdemokraten und Mitglieder des Reichsbanners auf. Noch Anfang März hatte er in einem ganzseitigen Zeitungsartikel eindringlich zur gerade verabschiedeten neuen „Reichstagsbrandverordnung“ ausführlich und kritisch Stellung bezogen. Aus diesen Gründen wurde er von den Nazis verfolgt und schließlich in das KZ Osthofen eingeliefert. Im Juli 1933 gelang ihm jedoch die Flucht. Er lebte bis zu seiner Deportation im August 1944 von Lyon nach Auschwitz, im Exil, zuletzt in Marseille. Nach langen Evakuierungsmärschen über Groß-Rosen, Buchenwald und Natzweiler-Struthof traf er krank und völlig entkräftet im Außenlager Allach des KZ Dachau ein, wo er nach wenigen Tagen, kurz vor der Befreiung des Lagers am 20. April 1945 verstarb.
Julian Tschornicki, der wie sein älterer Bruder viele Jahre im Exil in Frankreich lebte, konnte rechtszeitig nach Mexiko entkommen. Der Vater Jakob Tschornicki war bereits im Jahre 1936 offenbar eines natürlichen Todes gestorben. Karoline Tschornicki wurde am 27. September 1942 aus ihrer Wohnung in der Bilhildistraße, in die sie zwangsweise umziehen musste, über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert. Dort verstarb sie nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft. Vor und während ihrer Deportation wurde sie ihres gesamten Mobiliars und der wertvollen Bibliothek beraubt. Laut Sollkarte des Finanzamtes Mainz erbrachte die Veräußerung des Vermögens von Karoline Tschornicki nach ihrer Deportation einen Betrag von 1.085,95 RM. Die Oberfinanzdirektion Koblenz erachtete es in einer Stellungnahme für die Restitutionskammer als wenig wahrscheinlich, dass die wertvolle Bibliothek, von den Plünderungen in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 verschont worden ist. Da Plünderungsschäden aber nach dem Bundesrückerstattungsgesetz nicht ersetzt wurden, blieb das Vergleichsangebot für die Bibliothek deutlich unter dem eigentlichen Wert.