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Luise Ott

"Als lästiger Ausländer betrachtet..."

Luise Ott wird am 23. April 1912 in Mainz geboren. Sie ist das neunte von zehn Kindern. 1921 beendet sie ihre Ausbildung als Schneiderin, arbeitet aber als Packerin in einer Zigarrenfabrik in Mainz. 1929 tritt sie der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei, engagiert sich anschließend im Sozialistischen Jugendverband (SJV) und der Naturfreundejugend. Schließlich wechselt sie zum Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD).

Luise Ott in den 1930ern
Quelle: NS-Dokuzentrum Rheinland-Pfalz

Als mit Hitlers „Machtergreifung“ alle linken Organisationen verfolgt werden, verlagert Luise Ott ihre Tätigkeit in den Untergrund. Sie hält Kontakt zu den emigrierten Genossen im Saargebiet und versucht, den zerschlagenen KJVD in der Region Mainz/Rüsselsheim neu zu organisieren. Diese Tätigkeit bleibt dem NS-Staat nicht verborgen: Während eines Aufenthalts im Saargebiet Ende 1934 steht plötzlich die Polizei bei Luise Otts Eltern – sie soll sich nach ihrer Rückkehr bei der Gendarmerie melden. Ihre Schwester warnt sie, sodass Ott sich dazu entschließt, nicht nach Deutschland zurückzukehren.
Luise Ott führt von Luxemburg aus den Kampf gegen das NS-Regime fort. Sie schickt Flugblätter mit Luftballons über die Grenze und informiert deutsche Reisende in Luxemburg über die politischen Verhältnisse. Die Gestapo versucht, ihrer im Ausland habhaft zu werden. Ende 1935 flüchtet sie in die Niederlande.
Auch von den Niederlanden aus kämpft Luise Ott weiter für die Sache: Mit ihrem luxemburgischen Pass reist sie als Parteikurierin mehrmals nach Deutschland. Die Arbeit ist gefährlich, wie sie sich später erinnert: „Da ich nicht einfach Emigrantin war, sondern aktive Kämpferin gegen den Nationalsozialismus, stand ich besonders unter Bedrohung. Jeder aktive Gegner musste bei Tag und Nacht damit rechnen, dass er entweder einem Mordanschlag, einem Entführungsversuch zum Opfer fällt oder durch das Gastland als lästiger Ausländer betrachtet und zur Grenze überstellt wurde.“ Mehrmals entgeht sie nur knapp ihren Verfolgern. Im Sommer 1938 springt sie in Amsterdam aus einem Fenster im 4. Stock, um einem Zugriff zu entgehen – dabei bricht sie sich zwei Lendenwirbel. Andere Familienmitglieder betätigen sich ebenfalls politisch gegen die Nationalsozialisten: Am 9. September 1937 wird ihre Schwester Friederike verhaftet und im Dezember wegen Beihilfe zum Hochverrat zu neun Monaten Haft verurteilt. Die Schwester Juliane wird am 2. Februar 1938 verhaftet und angeklagt.
Im Mai 1939 weicht Luise Ott in das Exil nach Frankreich aus. Nach Ausbruch des Krieges wird sie kurzzeitig festgesetzt, entlassen und im Juni 1940 im Lager Gurs interniert. Auch hier entkommt sie im September 1940 und taucht in Lyon unter. Nach der Besetzung Lyons durch deutsche Soldaten muss sie am 11. November 1942 erneut fliehen und kann sich schließlich 100 km nördlich auf einem Bauernhof bis zum Kriegsende verstecken.
Nach dem Kriegsende kehrt Luise Ott, gesundheitlich stark beeinträchtigt, in ihren Heimatort Gustavsburg zurück. Sie muss 23 Jahre lang mit den Behörden um ihre Anerkennung als politisch Verfolgte kämpfen. Sie stirbt 2004 in Mainz.

 

Biographische Kurzinformation:

  • 1912 23. April: Geboren in Mainz
  • 1921 Gesellenbrief als Schneiderin
  • 1934 Leiterin der illegalen KJVD Mainz/Rüsselsheim
  • 1934 bis 1935 Exil im Saargebiet
  • 1935 bis 1939 Exil in den Niederlanden
  • Mai 1939 Flucht nach Frankreich
  • Juni 1940 Internierung im Lager Gurs
  • September 1940 Flucht aus dem Lager nach Lyon
  • November 1942 Versteck auf einem Bauernhof in St. Jean-sur-Reysouz
  • 1973 30. Juli: Anerkennung als politisch Verfolgte, 1.000,- DM Härteausgleich
  • 2004 Tod in Mainz

 

Quellen:
Stephan, Barbara: Verfolgung nach der Verfolgung. Die Entschädigungssache Luise Ott. Fakten aus dem Leben einer Illegalen, in: Infomationen, Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945, Nr. 52 (Novebember 2000), 25. Jg., S. 27-31; Busch, Arnold: Widerstand gegen den Faschismus in der Mainspitze, in: Hartwig-Thürmer, Christine (Hrsg.): Ginsheim - Gustavsburg - Bischofsheim 1933-1945. Die Mainspitze unterm Hakenkreuz, Frankfurt am Main 1989, S. 71-98; Busch, Arnold: Mit Flugblättern gegen den braunen Terror. Widerstand gegen den Faschismus in der Mainspitze, in: Mainzer Geschichtsblätter, Nr. 5 (1989), S. 73-82.